Lima, 18-05-2012
Obwohl der “Winter”, zumindest auf dem Kalender, in Lima Einzug hält, ist es immer noch erstaunlich warm. Nur früh morgens und spät abends ahne ich, leicht fröstelnd, was unweigerlich kommen wird – die ola de frío. Eine Kältewelle, wie es die Limeños so drastisch auszudrücken pflegen. Viele Menschen, die Winter erst ab Minusgraden definieren, können nur müde lächelnd den Kopf schütteln, wenn andere sich trauen bei durchschnittlich 15° Celsius von Winterwetter zu reden. Sei’s drum, nach vier Jahren living in Peru habe ich gelernt zu differenzieren. Als unser Nachbar vor kurzem aus der selva (Amazonien) zurückkam erzählte er mir ganz ernsthaft, wie kalt es dort doch war. “Rita, stell dir vor, wir hatten nur 25°!” Mir ist klar, er spricht von Kälte! Vor ein paar Jahren noch hätte ich nur mit den Augen gerollt, aber inzwischen verstehe ich, dass man im Dschungel bei dieser Temperatur auch frieren kann. Der Körper gewöhnt sich einfach an die tropisch/feuchte Hitze von ca. 35° und falls sich dann ein Temperatursturz von 10 bis 15 Grad ereignet (was nicht einmal selten vorkommt) fühlt sich das verdammt kalt an. Andererseits habe ich Einheimische im Hochland in der (echten) Kälte mit nackten Füßen in ihren typischen Sandalen laufen sehen. Beim bloßen Anblick fange ich schon an zu zittern, aber Fuß und Schuh scheinen eine Einheit zu bilden, sie fühlen nichts. Manche tragen nicht mal Schuhe und laufen über Stock und Stein, als ob sie Spikes unter den Fußsohlen hätten. Nicht nur die Lebenswelten, auch das gefühlte Klima ist vielfältig und zuweilen extrem in diesem Land.
Für die Limeños ist es beispielsweise undenkbar sich vor Mitte Dezember oder gar nach Ende März (der hiesigen Hochsommer Saison) an den Strand zu legen. Was für einen Mitteleuropäer noch ein idealer Strandtag ist, nämlich sich bei leicht bedecktem Himmel und ca. 22 Grad im Schatten zu bräunen, stößt hier auf völliges Unverständnis. Viel zu kalt. Eigentlich ist es ähnlich wie in Südeuropa, dort legen sich auch nur sonnenhungrige Touristen in der Nebensaison an den Strand. Inzwischen hat sich unser Körper schon so an die hiesigen klimatischen Verhältnisse angepasst, dass wir jedes Jahr ab Anfang Mai darauf warten, dass der Kamin bei unseren Vermietern angefeuert wird, denn seit unserer Ankunft in Peru im März 2008 war das immer pünktlich am 1. Mai der Fall. Während sich in Berlin am 1. Mai traditionell andere Feuerspiele ereignen sitzen wir hier friedlich am Kaminfeuer und trinken einen Tinto. Dieser Sommer hat aber viel zu spät angefangen und geht zu unserer großen Freude in die Verlängerung. Für Don Lucho bedeutet das am WE weiterhin intensives abhängen in der Hängematte und für mich Flipflops an den Füßen – mein Lieblingsschuhwerk für das ultimative Sommerfeeling.
Tatsächliche oder nur gefühlte Wärme hin oder her, die Tage unseres nächtlichen Terrassenkinos sind an_gezählt. Je später der Abend, desto ungemütlicher für Mensch und Technik, denn die Feuchtigkeit der Nebelschwaden zieht in Knochen und Filmvorführgerät ein. Jetzt ist erst mal Schluss mit “Film ab, bitte!”. Eigenartig ist, dass man den Klimawechsel auch riechen kann. Ein intensiver Geruch nach Krill, Algen und Salz liegt in der Luft und da wir nicht weit entfernt vom Meer wohnen ist dies der Duft, den ich mit Winter bzw. mit Klimawechsel verbinde. Nicht mehr lange, denn es wird nach fünf Jahren unser letzter Lima-Winter sein, bevor wir 2013 wieder ‘wahre deutsche Winter’ erleben dürfen. Bis dahin heißt es Lima immer wieder neu entdecken, oder aber das schon Bekannte wieder auffrischen. An den Wochenenden machen wir mit Freunden oder auch alleine oft eine kleine ‘vuelta’, einen Rundgang durch unser Viertel. Hier in Barranco gibt es immer Veränderungen und Neues zu entdecken. So wird mitten im Lima-Winter im Juli eine neue Fotogalerie eröffnet, deren Gründer kein geringerer ist als Mario Testino, ein peruanischer Modefotograf. Ein absoluter Lichtblick also in den grauen Wintermonaten. Ich freue mich schon darauf, auch, weil damit ein Stück architektonischer Kultur gerettet wird, so wird ein altehrwürdiges Kolonialgebäude mit Leben erfüllt das sonst dem Verfall preisgegeben wäre. Leider verfallen immer noch zu viele Häuser aus den alten Zeiten, dabei sind sie es doch, die das Image ‘unseres Bohèmeviertels’ mitprägen. Nach so einem Spaziergang brauchen wir dann dringend einen cortado, eine Art Espresso Macchiato, um wieder zu Kräften zu kommen und da haben wir inzwischen die Qual der Wahl. Kleine Cafes sprießen seit geraumer Zeit wie die Pilze aus dem Boden, denen nicht mal Starbucks den Garaus machen kann. Die ollen Starb(f)ucker haben einen derart aggressiven Expansionsdrang, dass ich sie zum ‘Kaffee-Schlecker’ erklärt habe.
Manchmal zieht es uns allerdings auch ins Zentrum von Lima, so wie vor Kurzem zum Cajón Musik Festival. Dummerweise waren wir einer falschen Information über den Beginn der Veranstaltung aufgesessen, so dass wir nur noch die letzten Trommelwirbel mitbekamen. Das war wirklich schade, aber einer der großen Meister gab glücklicherweise noch eine kleine Solovorstellung im Park, der Plaza Mayor. Ein sehr schöner Ort, um einen solchen Tag ausklingen zu lassen ist die Bar Cordano, gleich hinter dem Regierungspalast. Nicht nur uns Festivalbesucher begeistert die Altstadt auch Touristen kommen gerne hierher und genießen das (morbide) Ambiente. Wer die Besichtigung der monumentalen Kathedrale und dem beeindruckenden Konvent abgeschlossen hat geht danach gerne in diesen Tempel. Es ist ein Ort, der Geschichte und Tradition verbindet, es gibt excellente Pisco Sours und gutes Essen – ohne Touristenaufschlag. Unser mozo (Kellner) war fast so alt wie das Inventar und watschelte pinguinengleich nach jeder einzelnen Bestellung los, um die Order erst mal hinterm Tresen weiterzureichen. Da wir zu Viert waren, brauchte das natürlich seine Zeit … , die wir ihm auch gerne zugestehen wollten, aber gleichzeitig hatten wir auch großen Hunger und noch größeren Durst, was bekanntlich ungeduldig macht. Trotzdem, ein liebenswürdiger älterer Herr, dessen Gedächtnis eben(t) nicht mehr ganz zeitnah funktioniert und deshalb sprang dann auch ein junger Kollege ein, der mit ihm und uns Erbarmen hatte. Alles lief nett und unaufgeregt ab und wir hatten das Gefühl, dass der Jüngere genauso besorgt um ihn, wie auch um uns war. Bueno, was bedeutet schon ein bisschen mehr oder weniger Zeit ‘opfern’, gemessen an der Arbeit, die dieser ältere Kellner bis heute leistet. Andererseits würden wir ohne die Hilfe des jungen Kellners vermutlich heute noch da sitzen, nach dem Motto “und wenn sie nicht gestorben sind (vor Hunger), warten sie immer noch auf ihr Essen” …
rita
- Ruhe vor dem (Film) Sturm
- … “Film ab” …
- und danach internationale Filmbesprechung
- Cafe Bisetti in Barranco
- … mit Freunden
- … und den üblichen Verdächtigen
- Schluss mit trommeln
- … oder doch nicht …
- das Publikum will mehr …
- Gibt’s noch ne Zugabe …
- ja, sagt der kleine ….
- … und der große Meister des Cajon
- Fans
- … in rot
- … oder pink
- Die schöne Plaza Mayor
- und die Bar Cordano
- … mit Gästen im Nebenzimmer































































































































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