Lima, 18-05-2012

Obwohl der “Winter”, zumindest auf dem Kalender, in Lima Einzug hält, ist es immer noch erstaunlich warm. Nur früh morgens und spät abends ahne ich, leicht fröstelnd, was unweigerlich kommen wird – die ola de frío. Eine Kältewelle, wie es die Limeños so drastisch auszudrücken pflegen. Viele Menschen, die Winter erst ab Minusgraden definieren, können nur müde lächelnd den Kopf schütteln, wenn andere sich trauen bei durchschnittlich 15° Celsius von Winterwetter zu reden. Sei’s drum, nach vier Jahren living in Peru habe ich gelernt zu differenzieren. Als unser Nachbar vor kurzem aus der selva (Amazonien) zurückkam erzählte er mir ganz ernsthaft, wie kalt es dort doch war. “Rita, stell dir vor, wir hatten nur 25°!” Mir ist klar, er spricht von Kälte! Vor ein paar Jahren noch hätte ich nur mit den Augen gerollt, aber inzwischen verstehe ich, dass man im Dschungel bei dieser Temperatur auch frieren kann. Der Körper gewöhnt sich einfach an die tropisch/feuchte Hitze von ca. 35° und falls sich dann ein Temperatursturz von 10 bis 15 Grad ereignet (was nicht einmal selten vorkommt) fühlt sich das verdammt kalt an. Andererseits habe ich Einheimische im Hochland in der (echten) Kälte mit nackten Füßen in ihren typischen Sandalen laufen sehen. Beim bloßen Anblick fange ich schon an zu zittern, aber Fuß und Schuh scheinen eine Einheit zu bilden, sie fühlen nichts. Manche tragen nicht mal Schuhe und laufen über Stock und Stein, als ob sie Spikes unter den Fußsohlen hätten. Nicht nur die Lebenswelten, auch das gefühlte Klima ist vielfältig und zuweilen extrem in diesem Land.

Für die Limeños ist es beispielsweise undenkbar sich vor Mitte Dezember oder gar nach Ende März (der hiesigen Hochsommer Saison) an den Strand zu legen. Was für einen Mitteleuropäer noch ein idealer Strandtag ist, nämlich sich bei leicht bedecktem Himmel und ca. 22 Grad im Schatten zu bräunen, stößt hier auf völliges Unverständnis. Viel zu kalt. Eigentlich ist es ähnlich wie in Südeuropa, dort legen sich auch nur sonnenhungrige Touristen in der Nebensaison an den Strand. Inzwischen hat sich unser Körper schon so an die hiesigen klimatischen Verhältnisse angepasst, dass wir jedes Jahr ab Anfang Mai darauf warten, dass der Kamin bei unseren Vermietern angefeuert wird, denn seit unserer Ankunft in Peru im März 2008 war das immer pünktlich am 1. Mai der Fall. Während sich in Berlin am 1. Mai traditionell andere Feuerspiele ereignen sitzen wir hier friedlich am Kaminfeuer und trinken einen Tinto. Dieser Sommer hat aber viel zu spät angefangen und geht zu unserer großen Freude in die Verlängerung. Für Don Lucho bedeutet das am WE weiterhin intensives abhängen in der Hängematte und für mich Flipflops an den Füßen – mein Lieblingsschuhwerk für das ultimative Sommerfeeling.

Tatsächliche oder nur gefühlte Wärme hin oder her, die Tage unseres nächtlichen Terrassenkinos sind an_gezählt. Je später der Abend, desto ungemütlicher für Mensch und Technik, denn die Feuchtigkeit der Nebelschwaden zieht in Knochen und Filmvorführgerät ein. Jetzt ist erst mal Schluss mit “Film ab, bitte!”. Eigenartig ist, dass man den Klimawechsel auch riechen kann. Ein intensiver Geruch nach Krill, Algen und Salz liegt in der Luft und da wir nicht weit entfernt vom Meer wohnen ist dies der Duft, den ich mit Winter bzw. mit Klimawechsel verbinde. Nicht mehr lange, denn es wird nach fünf Jahren unser letzter Lima-Winter sein, bevor wir 2013 wieder ‘wahre deutsche Winter’ erleben dürfen. Bis dahin heißt es Lima immer wieder neu entdecken, oder aber das schon Bekannte wieder auffrischen. An den Wochenenden machen wir mit Freunden oder auch alleine oft eine kleine ‘vuelta’, einen Rundgang durch unser Viertel. Hier in Barranco gibt es immer Veränderungen und Neues zu entdecken. So wird mitten im Lima-Winter im Juli eine neue Fotogalerie eröffnet, deren Gründer kein geringerer ist als Mario Testino, ein peruanischer Modefotograf. Ein absoluter Lichtblick also in den grauen Wintermonaten. Ich freue mich schon darauf, auch, weil damit ein Stück architektonischer Kultur gerettet wird, so wird ein altehrwürdiges Kolonialgebäude mit Leben erfüllt das sonst dem Verfall preisgegeben wäre. Leider verfallen immer noch zu viele Häuser aus den alten Zeiten, dabei sind sie es doch, die das Image ‘unseres Bohèmeviertels’ mitprägen. Nach so einem Spaziergang brauchen wir dann dringend einen cortado, eine Art Espresso Macchiato, um wieder zu Kräften zu kommen und da haben wir inzwischen die Qual der Wahl. Kleine Cafes sprießen seit geraumer Zeit wie die Pilze aus dem Boden, denen nicht mal Starbucks den Garaus machen kann. Die ollen Starb(f)ucker haben einen derart aggressiven Expansionsdrang, dass ich sie zum ‘Kaffee-Schlecker’ erklärt habe.

Manchmal zieht es uns allerdings auch ins Zentrum von Lima, so wie vor Kurzem zum Cajón Musik Festival. Dummerweise waren wir einer falschen Information über den Beginn der Veranstaltung aufgesessen, so dass wir nur noch die letzten Trommelwirbel mitbekamen. Das war wirklich schade, aber einer der großen Meister gab glücklicherweise noch eine kleine Solovorstellung im Park, der Plaza Mayor. Ein sehr schöner Ort, um einen solchen Tag ausklingen zu lassen ist die Bar Cordano, gleich hinter dem Regierungspalast. Nicht nur uns Festivalbesucher begeistert die Altstadt auch Touristen kommen gerne hierher und genießen das (morbide) Ambiente. Wer die Besichtigung der monumentalen Kathedrale und dem beeindruckenden Konvent abgeschlossen hat geht danach gerne in diesen Tempel. Es ist ein Ort, der Geschichte und Tradition verbindet, es gibt excellente Pisco Sours und gutes Essen – ohne Touristenaufschlag. Unser mozo (Kellner) war fast so alt wie das Inventar und watschelte pinguinengleich nach jeder einzelnen Bestellung los, um die Order erst mal hinterm Tresen weiterzureichen. Da wir zu Viert waren, brauchte das natürlich seine Zeit … , die wir ihm auch gerne zugestehen wollten, aber gleichzeitig hatten wir auch großen Hunger und noch größeren Durst, was bekanntlich ungeduldig macht. Trotzdem, ein liebenswürdiger älterer Herr, dessen Gedächtnis eben(t) nicht mehr ganz zeitnah funktioniert und deshalb sprang dann auch ein junger Kollege ein, der mit ihm und uns Erbarmen hatte. Alles lief nett und unaufgeregt ab und wir hatten das Gefühl, dass der Jüngere genauso besorgt um ihn, wie auch um uns war. Bueno, was bedeutet schon ein bisschen mehr oder weniger Zeit ‘opfern’, gemessen an der Arbeit, die dieser ältere Kellner bis heute leistet. Andererseits würden wir ohne die Hilfe des jungen Kellners vermutlich heute noch da sitzen, nach dem Motto “und wenn sie nicht gestorben sind (vor Hunger), warten sie immer noch auf ihr Essen” …

rita

Lima, 28-04-2012

schaffen wir es gerade noch die auf 3000 m Höhe gelegene Stadt Huaráz in der Provinz Ancash zu erreichen. Eine Projektreise führt uns in die Cordillera Blanca, ein Andengebiet jenseits der 4000 m und mit dem höchsten Berg Perus – dem Huascarán (6768 m) .

Eine dreiviertel Stunde anhaltende Zitterpartie liegt hinter uns, denn 80 km vor unserem Zielort Huaráz ist weit und breit keine dringend benötigte Tankstelle in Sicht. Der 3-Liter Motor unseres 4×4 Geländewagens erweist sich als echter Spritfresser und die Nadel auf der Tankuhr neigt sich langsam und unaufhaltsam gen Null. Zack – das rote Lämpchen leuchtet auf. Ab jetzt läuft der Reserve Modus oder Countdown. Mitten in der Pampa wird es plötzlich still im Auto und niemand traut sich was zu sagen. Unser Chauffeur, Don Lucho, wirkt angespannt und vermutlich laufen schon längst verschiedene Ernstfall-Szenarien vor seinem geistigen Auge ab. Ich sehe es ihm an – und sehe noch etwas, nämlich unseren Kollegen Luis Angel (und mich) ein x-beliebiges Auto anhalten, zur nächsten Tankstelle fahren und mit einem Taxi und mit ein paar Litern Diesel im Schlepptau, als Retter zurückkehren. Nur, wen anhalten, wenn kaum jemand unterwegs ist auf dieser menschenleeren letzten Etappe unserer Reise? Als ob das alles nicht schon frustrierend genug wäre, fängt es auch noch an zu regnen und Nebel zieht auf.

Innerlich summe ich John Lennons Hit ‘Imagine’ in textlich abgewandelter Form vor mich hin. “Imagine there’s no petrol, even if you try, only hell between us and the rainy sky …” ich muss verrückt sein, denn wir sind im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht ‘über’m Berg’. Noch eine Kurve und noch eine Steigung, aber dann plötzlich sehen wir ‘Licht am Ende des Tunnels’. Wir sind ganz oben auf 4000 m Höhe angekommen und unter uns liegt Huaráz – im Tal so schön. Jetzt entspannen sich auch Don Luchos Gesichtszüge wieder etwas, denn bergab kann er ‘fahrend Sprit sparen’ und so erreichen wir auch mit Ach und Krach die ersehnte Tankstelle kurz vor Stadteinfahrt. Halleluja! Willkommen ihr Dieselschwaden, welch lieblicher Duft ….

Wir selbst verzichten allerdings auf jeglichen Sprit an diesem Abend, denn wir müssen uns akklimatisieren und unsere roten Blutkörperchen auf Höhenluft beamen. Lima, unser Lebensmittelpunkt, liegt ja bekanntlich auf Meeresspiegelhöhe.

Nach der anstrengenden Anreise und einem abendlichen Treffen und Briefing mit unserer Kontaktperson Kathia, einer Kollegin der GIZ, fallen wir hundemüde ins Bett. Der intensiven Büro-Vorarbeit in Lima folgt in den nächsten zwei Tagen die Begutachtung der praktischen Umsetzung unserer Kofinanzierung, wir wollen sehen, was mit dem Geld gemacht wird. Unser PPP Projekt bringt – zusammen mit dem  Wirtschaftspartner – im ländlichen Raum einfache, aber sichere, Elektroanschlüsse ins Haus. In vielen peruanischen Provinzen wird zwar die Elektrifizierung bis in weit abgelegenen Gegenden vorangebracht, aber der Staat stellt Strom eben(t) nur bis vor der  Haustür zur Verfügung. Was dahinter passiert ist Privatsache und würde einem deutschen Elektriker das Entsetzen ins Gesicht treiben. Bislang war es so, dass vom nächstgelegen Strommasten aus Leitungen angezapft und dann dilettantisch kreuz und quer verlegt wurden, von der Decke runterhängen und in gefährlich zusammen gebastelten Anschlüssen enden. Nicht selten wird das Ganze von einer enorm energiefressenden alten Glühlampe gekrönt. Für Menschen die niemals zuvor eine elektrische Lichtquelle besaßen, mag das zunächst als ‘Fortschritt’ gelten, der aber oft mit tödlichen Stromunfällen oder mit einem Wohnungsbrand teuer bezahlt wird. Außerdem werden den ahnungslosen Käufer oft vermeintlich gute Kabel verkauft, die sich aber als fake oder bamba entpuppen, wie es die Peruaner nennen.

Gleich am ersten Besuchstag wird uns das vor Ort demonstriert, aber zuvor findet noch ein großer Empfang im Rathaus statt. Ohne feierlichen Begrüßungsakt geht gar nichts. Unsere Projektpartner Gloria und Rafael haben alles bestens im Griff und nutzen die Gunst der Stunde, Politik und Werbung für die Sache, für die Region, aber auch für sich selbst zu machen. Mit dem PPP-Projekt haben wir bei der Auswahl des Unternehmens einen wirklich guten Griff getan und es bestätigt unser Vorgehen, bereits zu Beginn genau hinzuschauen und die Rahmenbedingungen abzuklären.

Ein Recht auf elektrisches Licht und Trinkwasserversorgung sollte eigentlich aller Welt zur Verfügung stehen, aber die Realität sieht oftmals anders aus. Was für uns selbstverständlich ist, ist anderswo noch Utopie. Es gibt sie aber, diese Unternehmer die nicht nur auf ihren eigenen Profit aus sind, sondern sich auch für weniger begünstigte Menschen einsetzen und mit viel Überzeugung, Begeisterung und auch eigenen Geldmitteln an die Arbeit gehen. So macht PPP Spaß und genial ist, dass uns dafür und für weitere Projekte noch jede Menge Gelder zur Verfügung stehen. Ich stelle fest, dass sich mein ehrenamtliches Engagement bislang voll ausgezahlt hat, zwar nicht in Geldmitteln, dafür aber in persönlicher Zufriedenheit. Als Zahntechnikerin habe ich zwar viele Jahre sehr gut verdient und auch schöne Zeiten erlebt, aber trotz guter Arbeit viel zu selten echte Freude und Dankbarkeit erfahren. ‘Kosmetische Eingriffe’ verblassen eben(t) schnell … Vielleicht hab ich die vielen glücklichen Patienten auch einfach schon vergessen, denn inzwischen strahlen mich  mehr Menschen ohne vollständige Zahnreihen an, als je zuvor in meinem Berufsleben.

Wir haben viel gesehen in diesen zwei Tagen auf dem campo, auch einiges, was man lieber nicht gesehen hätte. Alte Frauen, die im Dunkeln neben ihren offenen, schwarz verrußten Kochstellen sitzen und  auf archaische Weise kochen und dabei das gesundheitsschädliche Kohlenstoffmonoxid einatmen. Diese erbärmliche Umgebung wird allenfalls durch Kerzenlicht (und noch mehr CO Ausstoß) etwas erleuchtet. Wenn diese Frauen dann das erste Mal in ihrem Leben über elektrisches Licht verfügen, fließen Tränen der Freude.

Natürlich muss man bei diesen sicheren, aber doch einfachen Stromanschlüssen allerlei Abstriche machen, denn nicht alle Leitungen, die in schützenden Plastikrohren verlegt werden, liegen unter Putz. Aber zumindest baumeln sie nicht einfach lose von der Decke.  Es ist eine Kostenfrage. Vier Soles, umgerechnet 1,50 Euro kosten die Materialien für den Stromanschluss und trotzdem für viele Menschen fast unerschwinglich. In Gemeindehäusern oder Kirchen hat das Unternehmen Demonstrationsmodelle kostenlos installiert, Bewohner der Häuser, oft handelt es sich um einfache Lehmbauten, können die Anschlüsse über günstige Kredite erwerben. Es gibt aber auch Kleinbauern, die das Geld durch den Verkauf von Gemüse oder Kleintieren aufbringen können. Genau das soll auch der Anreiz sein. Zusätzlich wurden handwerklich geschickte Leute der abgelegenen kleinen Orte geschult, um neue Anschlüsse sicher legen oder reparieren zu können. Es ist sogar eine Frau mit dabei und bestimmt wird es nicht bei einer bleiben. Auf Quote oder Freiwilligkeit setzen!? Das regelt sich in diesen kleinen Weilern, fern ab der ‘großen Frauen-in-Führungspositionen-Diskussion’ ganz von selbst.

In den letzten Jahren hatten wir schon oft Gelegenheit einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und auch diesmal hatten die Menschen keine Scheu uns ihr Zuhause zu zeigen. Unglaublich, wie primitiv (im Wortsinne) die Verhältnisse doch sind. Ich frage mich, wo Armut ‘leichter’ zu ertragen ist und auf der Rückfahrt ins Hotel unterhalten wir uns darüber. Oben in den Anden bei all der Kälte und den schwierigen Anbaubedingungen, ohne fließendes Wasser, schon gar kein warmes, keine vernünftigen Kochstellen, geschweige denn Heizung? Oder dieselben prekären Verhältnisse, aber in der Hitze des Wüsten-Küstenstreifens? Oder gar in Lima selbst, in den pueblos jovenes (vulgo: Slums)? Rein theoretisch lebt es sich wahrscheinlich doch noch am besten im Andenhochland trotz der widrigen Umstände, denn hier haben die meisten Menschen wenigstens ein Stückchen Land, einen kleinen Garten, um das notwendigste zur Selbstversorgung anbauen zu können.

Meine Güte, was sind wir Städter doch für Weicheier. In unserem Hotel haben wir bereits unter der lauwarmen Dusche gelitten, weil es abends und morgens natürlich bitter kalt und es auch im Hotel keinerlei Heizung gab. Nach allem was wir gesehen und erlebt haben eigentlich nicht der Rede wert, aber doch ein Problemchen für uns. So sind wir eben(t). Etwas Luxus haben wir uns am letzten Abend aber dann doch gegönnt, eine Massage mit heißen Steinen, ein supertolles Erlebnis und nach einer knappen Stunde wurden wir jäh aus dem Land der Träume gerissen. Erwähnenswert ist auch die traumhafte Landschaft, die schneebedeckten Andengipfel, sattes Grün in den Tälern und überhaupt ein friedlicher Anblick. Wir tanken auf der Rückfahrt nochmals kräftig gute Luft und erfreuen uns am blauen Himmel, der sich in Lima bald in die winterliche graue Dunstglocke verwandeln wird. Ich kann’s kaum erwarten.

rita

Lima, 06-04-2012

haben schon seit vielen Jahren Besitz von dieser grünen Oase im Zentrum Miraflores ergriffen, einem der besseren Stadtteile Limas. Doch halt! Eigentlich müsste es heißen, die Besitzer vieler dieser Katzen haben, weil nichts begriffen, die armen Miezen ‘gegriffen’ und sie dann ausgesetzt. Am Anfang hatten es sich lediglich ein Dutzend normaler Straßenkatzen gemütlich gemacht, die dort stillschweigend geduldet wurden. Dann sind es immer mehr geworden und inzwischen haben sie den Park fast gänzlich erobert und es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. In den Medien haben sie ein Forum und es gibt sogar einen eigenen Katzen-Blog. Selbst die Politik in Form der Stadtverwaltung von Miraflores beschäftigt sich mit den Felinen, obwohl in einer 8 bis 10 Millionen-Stadt (so genau weiß das niemand) zugegebenermaßen dringlichere Probleme existieren. Trotz allem sollte es aber kein Hindernis sein für ein wenig Zuwendung und um Aufmerksamkeit für die tierischern Probleme zu werben. Asi es.

Ein bisschen erinnert mich das Ganze tatsächlich an ein anderes Forum, nämlich an das Forum Romanum in Rom. Dort habe ich vor langer Zeit das erste Mal in meinem Leben Massen von unfreiwillig streunenden Katzen gesehen und genau wie an diesem antiken Ort wird auch der Katzenjammer im Parque Kennedy geduldet. Tatsächlich werden sie sogar mehr als geduldet, denn es gibt eine kleine Organisation von Freiwilligen die sich um die Samtpfoten in ihrem Katzenasyl kümmert. Sie füttern die Tiere regelmäßig und es gibt auch Veterinäre unter ihnen, die sich um kranke Tiere kümmern und auch die weitere Population durch medizinische Eingriffe im Zaume halten. Wer möchte, kann auch eine Katze adoptieren, nicht alle sind verwildert und einige Kuscheltiere suchen regelrecht den Kontakt zu uns Zweibeinern. Schließlich hatten sie ja mal ein Zuhause.

Der kleine Park in Miraflores kann laut Stadtverwaltung nicht mehr als 50 Katzen verkraften, aber einige Kater finden immer wieder Schlupflöcher und entkommen der medizinischen Populationsbremse. Die vielen Katzen, sieht man nicht nur, man riecht sie auch und nicht wenige sagen, „es stinkt zum Himmel“, aber die Mehrheit der Anwohner hat sich für die Duldung entschieden. Katzen mit blauen Augen sind die besonderen Lieblinge der Limeños und genießen volle Aufmerksamkeit. Beim Anblick der blauäugigen, besonders exotisch wirkenden Miezen erschallt sofort ein ‘que lindo, que belleza’. Faszination also, egal ob nur noch dreibeinig oder leicht zerzaust. Andererseits finden auch viele Touristen Gefallen daran hier eine kleine Fotosafari zu machen und so gehören Park und Katzen inzwischen auch zu deren Besuchsprogramm – vor oder nach der Peru-Rundreise.

Auch uns hatte es mal wieder in den Kennedy Park gezogen, allerdings nicht der Katzen wegen, sondern um ein temporär installiertes Fotomuseum zu besuchen. Lima überrascht uns immer wieder mit Aktionen, wie man sie wohl eher in Berlin oder New York erwarten würde, aber auch hier lebt und arbeitet natürlich ein kreatives Völkchen. Trotz der vielen, interessanten, an Wäscheleinen hängend ausgestellten Schnappschüsse rund um das Thema „Alltagssituationen in Lima“, waren viele der Anwesenden eher damit beschäftigt die cat models abzulichten. Vielleicht sind ja diese Fotos das Motiv einer der nächsten Ausstellungen. Meine cat shots gibt’s schon jetzt zu bestaunen.

Soviel zu den städtischen Aristocats, denn im ländlichen Raum sind Katzen immer noch das was sie schon zu Urzeiten waren – nämlich Mäusejäger. In jeder noch so kleinen, dunklen Hütte sieht man sie ‘nach getaner Arbeit’ neben der Kochstelle liegen. Das entspricht schon eher der Katzenrealität in Peru. Cats at work! Miau!

rita

Lima, 25-03-2012

… fragen viele Peruaner empört. Wie der Presse zu entnehmen ist findet er, dass ein Land wie Peru mit einem durchschnittlichem pro Kopf Einkommen von 10.000 USD jährlich, nicht zum förderungswürdigem Kreis armer Länder gehören sollte. Basta! “Der soll mal nach Carabayllo und San Juan de Miraflores fahren und dort die Leute nach ihrem Jahreseinkommen fragen,” erwidert der peruanische ex-Finanzminister Kuczynski. Wahr ist, dass in diesen Stadtteilen von Lima viele von solch einem ‘Geldsegen’ nur träumen können. Andererseits gibt es in dieser Stadt noch weit ärmere Viertel, ganz zu Schweigen vom Rest des Landes, aber dort tauchen Politiker nur selten auf – es sei denn wichtige Wahlen stehen an.

Es kommt noch schlimmer, als der Microsoft Boss nachlegt: “Peru sollte seinen Reichtum an Bodenschätzen besser nutzen und könnte so ökonomisch betrachtet in Richtung europäischer Liga mitspielen, so reich sein wie ein europäisches Land.” Plopp, das sitzt! Nur von welchem Niveau spricht er, vom griechischem oder portugiesischem etwa? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt … Wenn es um Steuerehrlichkeit geht, können die Peruaner locker mit den Hellenen mithalten und in Sachen Korruption können möglicherweise die Europäer noch etwas lernen und ihr System perfektionieren…

Natürlich geht es schon lange nicht mehr (nur) um finanzielle Hilfe in Peru, sondern vor allem um Know-how. Im Fokus der EZ (Entwicklungszusammenarbeit) stehen Verbesserung der Menschenrechte, Demokratieförderung und Genderpolitik. Etwas von dem man glaubt, dass es nicht so schnell versickert, wie etwa der reine Geldfluss. Mit dem Thema good governance, also die politischen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche soziale, ökologische und marktwirtschaftliche Entwicklung zu schaffen, sitzt die GIZ (oder exGTZ) schon seit geraumer Zeit mit im Boot, aber trotz ‘Steuermann Minister Niebel’ an Bord, lassen durchschlagende Erfolge auf sich warten. Andererseits kann man einem Partner nichts aufdrängen, was nicht gewollt ist. Also rudert die EZ seit 40 Jahren im großen Teich der Möglichkeiten hin und her.

Das alles wissen auch schlaue peruanische Wirtschaftexperten, die darauf hinweisen, dass die Entwicklungshilfe vieler europäischen Staaten etwa England, Schweden, Spanien, Holland längst eingestellt oder aber zurückgefahren wurde (oder wird). Kann das Mr. Gates beeindrucken? Wohl kaum. Das Wirtschaftwachstum in Peru liegt bei ca. 6%, da versteht doch kein (Geldgeber) Mensch, warum Peru nicht Teil der Armuts-Lösung sein kann und stattdessen noch die Hand auf hält. Andererseits hat die Entwicklungszusammenarbeit genau diese ‘Nehmerqualitäten’ (mit)gefördert. Der amtierende peruanische Präsident muss sicherlich viel tun, will er nicht nur die Konten der oberen und mittleren Einkommensschichten weiter fröhlich wachsen lassen, sondern Teil der Lösung für die Behebung der dringlichsten Probleme der restlichen Bevölkerung sein. Auch in Peru gibt es immer noch sehr viele arme Menschen, genauso wie in Afrika, dem Kontinent der hauptsächlich von der Melinda und Bill Gates Stiftung profitiert.

Wenn ich die Projekt Arbeit im CSR / PPP Umfeld in unserem Team betrachte freut es mich, dass es ausschließlich um Ko-Finanzierung im Bereich gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung geht. Klar ist, dass es auch schwarze Schafe gibt, die versuchen herumzutricksen, aber davor ist man nirgendwo wirklich sicher. Äußerst erfreulich ist daher, dass es durch unserer Arbeit gelungen ist, bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen die Mitverantwortung für Mensch und Umwelt vom Kopf auf die Füße zu stellen. Gerade für solche Unternehmen, die nicht ganz klein, aber auch nicht sehr groß sind, ist diese Herausforderung viel schwieriger anzunehmen, als für die großen Player. Unsere Wirtschaftspartner müssen zwar die gewährten Mittel nicht zurückzahlen, aber auf Heller und Pfennig mit steuersicheren Rechnungen belegen und sich auch sonst auf die Finger sehen lassen. Hier trennt sich dann die Spreu vom Weizen, hier der steuerlich ehrliche und gesellschaftlich engagierte Unternehmer und dort der derjenige, der auf Kosten anderer nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Die großen Unternehmen wiederum wissen natürlich, wie man am besten Steuern ‘legal’ einspart.

Die letzten vier Jahre waren wahrlich nicht langweilig, vor allem nicht für ‘el jefe Mister Aloys’, wie ihn ein ehemaliger Büronachbar der AHK genannt hat, aber auch meine bescheidenen zwei Jährchen im CSR/PPP Team haben meinen Erfahrungs- und Arbeitshorizont erheblich erweitert und bereichert. Sozusagen raus aus der Mundhöhle – meinem ursprünglichen Arbeitsfeld – rein ins vegetative Nervensystem der neuen GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit). Hier gibt es seit der großen Operation – “alles unter einem Dach” – von ‘Chefarzt Minister Niebel’ nur noch ein Organ, alle anderen wurden entfernt. Nebenwirkungen waren von Anfang an bekannt, aber das Kleingedruckte des Beipackzettels wurde sorgfältig unter Verschluss gehalten, bis der Versuch sein Ende nahm. Operation gelungen, Patient DED tot. Selber Schuld, hat zu wenig aufgemuckt, zu viel an sich herumschnippeln lassen und ist dann nicht mehr aus der (Dauer)Vollnarkose aufgewacht …

Unser letztes Jahr in der Entwicklungszusammenarbeit unter dem Dach der GIZ hat begonnen und wir sind die letzten Gallier unter der Übermacht (Roms) Eschborns. Unser Zaubertrank ist ein immer noch gut gefüllter Fonds der uns stark macht und bis Ende März 2013 lassen uns die (Römer) Eschbörner hoffentlich auch weiterhin das machen, was wir im Sinne der EZ für richtig halten.

Sol lucet omnibus! Ave, liebe Blogleser

rita

Lima, 18-02-2012

ist eine hiesige Institution und gehört zum Nachtleben von Lima, wie das Salz zur Suppe. Es ist eine Art rustikale Großraum Disco mit Bühne, großer Tanzfläche und langen Reihen mit Tischen und Bänken. Ein Interieur ein bisschen wie in einem Bierzelt, aber glücklicherweise ohne Schunkelatmosphäre. In einer peña gibt es keine Nischen, denn für ein geselliges Ausgehen in der Gruppe braucht man schon ein bisschen Platz. Natürlich gibt es auch jede Menge Essensangebote, denn die Kilos, die beim Tanzen ‘purzeln’, kommen umgehend mit kalorienreichem Essen wieder auf die Rippen. Schon im Eingangsbereich steht eine Köchin und verteilt Anticuchos (grauenhafte Herzspieße!) und frittierte Yucca. Ein Geruch von Holzkohle und Frittierfett vermischt mit dem Rauch der Nikotinabhängigen liegt in der Luft.

Kleiner Exkurs: Von allen Kulturen die ich bisher kennengelernt habe kenne ich keine, die so auf´s Essen fixiert ist, wie die hiesige. Die peruanische Küche ist der ganze Stolz der Nation. Nicht eine Taxifahrt, nicht ein Zusammentreffen vergeht ohne die Frage: “y la comida peruana come te parece, rico no …” (hey, wie schmeckt dir denn unsere Küche, toll oder). Ja genau, die Antwort geben sie sich gleich selbst. Wehe dem es kommt jemand daher und findet die Küche nicht spektakulär, sondern nur so lala, oder gar wie ein Landsmann im spanischen Exil, der sie schwerverdaulich und nicht gesund findet. Dieser peruanische Journalist, der Kolumnen in “El Pais” schreibt, wird, falls er das Land überhaupt noch betreten darf, bei Einreise wahrscheinlich gleich gemeuchelt. Die Reaktionen auf seine bissige Kolumne waren wirklich haarsträubend. Aber zurück zu den netten Peruanern …

Drinnen in der peña, kommt die Musik zunächst vom Band, aber kurz vor Mitternacht geht’s los und es beginnen die Auftritte der Live Bands, die den Part der folkloristischen und traditionellen Musik übernehmen. Die Bands die am Wochenende auftreten spielen meistens ‘musica criolla’, eine traditionelle Musik schwarzen Ursprungs. Ein typisches Rhythmus-Instrument dieser Musik ist: der cajón. http://youtu.be/XQa9NaJztrs Es ist eine Art Holzkasten auf dem der Musiker sitzt und auf der Vorderseite, die ebenfalls aus Holz besteht, trommelt. Die bespielbare Fläche anderer Percussions-Instrumente ist in der Regel mit Fell oder Leder bespannt. Manche cajóns sind von innen auf der Spielseite mit Saiten bespannt und erzeugen so ein schnarrendes Geräusch. Der Klang des cajón ist einzigartig und die peruanische Band “Novalima” – die mir ganz besonders gefällt – lässt dazu noch ganz virtuos Jazz, Latin und Electronicbeats mit einfließen.

Eine Art Conférencier führt durch den Abend und seine humoristischen Einlagen sind oft hart an der Grenze dessen, was man politisch korrekt nennt. Macht nix, wir haben es gerne etwas subversiver und wenn´s dabei mal etwas derber wird, so what! So ist es nicht weiter verwunderlich, dass für diese Art Unterhaltung oft Touristen als Opfer herhalten müssen. Tja, wer die Gefahr sucht … (aber auch der Ahnungslose) muss auf erzwungene Tanzeinlagen und ‘Interviews’ gefasst sein. Am “baile del turista” (Tanz der Touristen) kommt man kaum vorbei, will man nicht als Spielverderber dastehen. Trotz allem, auf ‘Dieter Bohlen Niveau’ spielt sich hier nichts ab.

Die Peña del Carajo liegt nicht gerade in einer ‘Vorzeigegegend’ von Barranco und als wir uns mit dem Taxi dorthin karren lassen und durch mach düstere Gegend kreisen, beschließt unser Freund Marco, später doch lieber nicht zu Fuß nach Hause zu laufen … warum eigentlich … no risk, no fun. Es ist schon gegen 22:30 als wir ankommen und die große Halle ist erst zur Hälfte gefüllt. Am Eingang kontrollierten Türsteher die Taschen von uns chicas  und die Männer wurden – fast wie am Flughafen – abgetastet. Waffen könnten mit steigendem Alkoholpegel zum Problem werden, erfahren wir auf Nachfrage. Vielleicht geht es aber auch nur um´s Einschleusen von Hochprozentigem. Dieser Abend steht nämlich nicht unter dem Zeichen von ‘corcho libre’ was bedeutet, dass man seine eigenen Getränke mitbringen darf. Letztendlich müssen Personal und Musiker von irgendetwas bezahlt werden, denn der Eintritt ist mit umgerechnet vier Euro wirklich spottbillig.

Auch wir sind nicht allein unterwegs, sondern mit unseren peruanischen Kollegen aus der Außenhandelskammer (AHK) verabredet, um zwei Praktikanten gebührend zu verabschieden. Es handelt sich um zwei besonders nette und pfiffige junge Leute und es ist schon ein Zeichen besonderer Wertschätzung (und durchaus nicht üblich), seitens der AHK Kollegen sie so zu verabschieden. Praktikanten kommen und gehen und nicht alle bleiben einem in Erinnerung. Diesmal aber schon, denn Susanna mit ihrer Leichtigkeit des Seins ist uns regelrecht ans Herz gewachsen, genauso wie Dominik mit seinem freundlichen Wesen und seinem speziellen Humor. Mit seiner Familie verbindet uns ein persönlicher Kontakt. Sein Dad war vor vielen Jahren Teilnehmer bei einem Austauschprogramm für Studenten und junge Berufstätige  (ASA) in Ecuador (wo er auch seine Frau kennen gelernt hat) und ‘mein’ Don Lucho sein damaliger Tutor. Dominik war zwei Jahre alt, als wir ihn das letzte Mal sahen und plötzlich steht er dann mit seinen knapp zwei Metern vor uns. Oh Gott, sind wir wirklich schon soooo alt …

Auf der Tanzfläche merken wir nichts vom älter werden und legen erstmal ohne die Jüngeren los. Na ja, eigentlich können wir uns kaum bewegen, denn als die Band zu spielen beginnt, hält es die Latinos nicht mehr auf ihren Sitzen. Als ob es nicht schon eng genug wäre stakst eine als Krankenschwester verkleidete chica auf Highheels mitten durch uns Hüftenschwinger. Sie trägt eine weiße Lackleder Uniform und ein Schwesternhäubchen mit dem Rot-Kreuz Symbol. In beiden Händen schwingt sie zwei riesige mit rosaroter Flüssigkeit  gefüllte Spritzen von schier unglaublicher Größe. Wir lassen uns jedenfalls keine Impfung geben, denn der Inhalt sieht nicht gerade gesundheitsfördernd aus. Wahrscheinlich könnten Diabetiker mit so einem Zuckerschub locker wochenlang ihren Blutzuckerspiegel halten. Getreu dem Motto “wer Chavez als Präsidenten hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen” lässt sich eine Gruppe Venezulaner erst verbal vom Conférencier  einen Einlauf verpassen und dann tatsächlich noch von der Schwester in Lack verarzten. Unser Tisch verdient sich – dank Anwesende Luisa – ein Bier, als die größte chica des Abends gesucht wird. Zum Glück gibt es noch kleinere (jawohl!) als mich, sogar bei uns am Tisch, so dass ich für den Wettbewerb “wer ist die Kleinste chica im Ballsaal?”, schon mal nicht in Frage komme.

Es ist nicht unbedingt die Art von Unterhaltung, wie man sie jedes Wochenende haben möchte, aber der Abend in unserer Gruppe ist lustig und wir bewegen endlich mal wieder das Tanzbein. Irgendwann ist es aber soweit und wir bleiben immer länger auf unseren Sitzen kleben, die Kondition lässt einfach nach. Apropos kleben, die Holzflächen der Sitze müssen kurz vor unserem Eintreffen mit Holzschutzmittel behandelt worden sein wie wir später feststellen, denn als wir uns zu Hause unserer Kleider entledigen, trifft uns fast der Schlag. Unser Hosenboden sieht aus, wie ne gebrauchte Windel eines Kleinkindes. Schön braun sind sie, die weißen Hosen, einfach schrecklich …

rita


Lima, 31.12.2011

2012 die fetten Jahre kommen!

Guten Rutsch und gutes Gelingen wünschen

Rita y Aloys


Lima, 28-12-2011

Am zweiten Weihnachtsfeiertag morgens um 03:30 Uhr klingelt mich das Handy wach und nach einer Katzenwäsche im Halbschlaf sitze ich Momente später neben meinem Bruder – Rainer sei Dank! – im Auto auf dem Weg zum Stuttgarter Flughafen. Spannend wird es beim Check-in wegen des Kilolimits von Koffer (23 Kg) und Handgepäck (12 Kg). Die KLM Damen sind hellwach und dulden seit geraumer Zeit leider Null Übergepäck – zumindest nicht ohne Aufschlag. Da hilft kein zetern und kein Augenklimpern. Am Abend zuvor flogen deshalb noch jede Menge Mitbringsel, wie Süßigkeiten und tolle Bücher aus dem Koffer. Zum heulen. In solchen Momenten denke ich dann doch hin und wieder über die Vorzüge eines Tablet-PC mit jeder Menge gespeicherter Bücher nach … .

Anstelle von Büchern habe ich lekker, lekker kaas uit de Nederlande im Gepäck. Warum ich diesen Käse schon bei der Anreise nach Stuttgart in Amsterdam gekauft hatte und nicht vernünftigerweise erst auf der Rückreise, ist mir jetzt schleierhaft. Ich hätte mir einiges an Gewicht sparen und locker an den strengen Kilo Kontrolleuren vorbeischleusen können. Dumm gelaufen. Jetzt erst recht, denke ich und kaufe noch mehr Käse, zumal mir genügend Einkaufszeit bis zum Weiterflug nach Lima bleibt. Nach einem ausgiebigem Frühstück suche ich mein gate für den Weiterflug nach Panama City. Diesmal ist es kein Direktflug Amsterdam / Lima, sondern ich muss umsteigen. Eigentlich ganz schön, sich nach einem 11-stündigen Flug die Beine vertreten zu können, aber leider habe ich nur eine Stunde Aufenthalt in Panama City und so fürchte ich wegen der kurzen Transferzeit, ohne Koffer in Lima anzukommen.

Während die KLM Maschine mit dem sinnigen Namen „Mutter Teresa“ andockt, gehen im Wartesaal seltsame Dinge vor sich. Security Personal schaut unter Sitze, in Fensterritzen, wühlt in Mülleimerm und selbst die Deckenabhängung wird kritisch unter die Lupe genommen, bevor die Fluggäste den Wartebereich betreten dürfen. So etwas Seltsames habe ich auf meinen vielen Reisen auch noch nicht erlebt. Wer hier, was auch immer versteckt hat, wird es jetzt wohl nicht mehr finden. Nachdem das räumliche Screening zu Ende ist, beginnt das Körperscannen. Wie ich zum Glück erst später bemerke, passiere ich trotz Pinzette und Feile anstandslos die Sicherheitszone. Dann sitze ich endlich in Mutter Teresas Bauch und vertreibe mir die lange Flugzeit mit Musikhören und diversen Filmen. An diesem zweiten Weihnachtsfeiertag laufen einige Flugbegleiterinnen mit wippenden Minigeweihen auf dem Kopf durch die Gänge. Rudi the rednose rendeer lässt grüßen. Zum Glück treten sie nicht nach uns Passagieren, sondern versorgen uns permanent mit (ungewohnt) leckerem Essen und Getränken.

Vielleicht bin ich zwischendurch doch etwas eingenickt, denn plötzlich befinden wir uns – just in time – im Anflug auf Panama City. Dort schlägt mir, noch im Flugzeug, eine unglaubliche Schwüle entgegen, so dass ich mich umgehend meines wärmenden Alpakamäntelchens entledige. Lieber Gott, oh wie heiß ist Panama! Lange schwitzen muss ich aber nicht, denn gleich geht´s weiter nach Lima. Die Maschine ist zur Hälfte mit Haitianern besetzt und meine Sitznachbarn, ebenfalls Haitianer, fragen mich wegen der Einreiseformulare für Peru in ihrem französich/spanischem Kauderwelsch Löcher in den Bauch. Anstatt zu helfen überlässt die COPA-Crew diese Arbeit den anderen Passagieren. Vielleicht haben sie auch einfach keine Ahnung. Ich bin eigentlich nur müde, möchte schlafen und muss mich doch der haitianischen Hartnäckigkeit ergeben. Ich frage mich, was diese Klempner und Maurer wohl nach Peru verschlägt, wo es doch in ihrem erdbebengebeuteltem Land bestimmt genug zu tun gibt … vielleicht sind sie ja auf Fortbildungstour. Ich krieg’s nicht raus und gönne den Haitianern auf alle Fälle diese Abwechslung.

In lindo Lima komme ich gemeinsam mit meinem Koffer abends gegen 22:00 Uhr an (nach deutscher Zeit ist es bereits 04:00 Uhr morgens). Nach 22 Stunden Reisezeit werde ich – Juhu! – nicht nur von Lima warm empfangen, sondern auch von meinem lieben Don Lucho. Ich falle zu Hause angekommen todmüde ins Bett und brauche nur ein dünne Decke, um mich zuzudecken. Die kalten Zeiten mit Wärmflasche und Daunendecke sind yippey vorbei. Am nächsten morgen werde ich durch ein dröhnendes Donnern wach. Wie bitte, Donner und Regen in Lima? Aber nein, es ist nur das iPhone und ein App was meinem lieben Mann geräuschvoll mitteilt, dass er das Handtuch nach dem Duschen zum trocknen aufhängen soll. Geht´s noch? Aber Don Lucho und seine Apps sind eine andere appgefahrene Geschichte.

Aloys-Alien und Rita-Residente wünschen allen BlogleserINNEN ein frohes und gesundes Neues Jahr 2012. Was auch immer mit uns passiert in Peru, mein Blog wird´s euch verraten. Viva Perú, viva Alemania!

rita

Lima, 17-11-11

ist ein Wort das aus der Quechua Sprache abgeleitet wurde und heißt auf spanisch lluvia de arena, so was ähnliches wie “Sandregen”. Für uns bedeutet Paracas ein verlängertes Wochenende und Besuch im dortigen Naturreservat. Sonntagfrüh um sieben Uhr sitzen wir schon auf dem Busbahnhof von Oltursa in Lima und warten auf die Abfahrt in die Region Ica. Unser Ziel, die Halbinsel Paracas, liegt 290 Km südlich von Lima und bildet zusammen mit den Ballestas Inseln das Naturreservat Paracas. Wir haben einen sogenannten “bus cama” gebucht und dessen Sitze sind wirklich mit denen der Business Class im Flugzeug vergleichbar. Nur die Verpflegung kann nicht mithalten, aber dafür ist der Preis wiederum unschlagbar günstig, denn für diese Summe befördern Airlines gerade mal 2 kg Übergepäck.

Ausgeruht und voller Vorfreude betreten wir knapp vier Stunden später unser Hotel. Da unser regulärer Check-in erst am frühen Nachmittag sein soll, wandern wir erstmal unser Resort ab und staunen nicht schlecht über den Luxus der uns in dieser trockenen Wüstenregion geboten wird. Es ist eine sehr schicke, geschmackvolle  Anlage, die ganz offensichtlich von Touristen auf Peru-Rundreise sehr geschätzt wird, aber auch von vielen Peruanern mit dem nötigen Kleingeld. Auch wir aus der EZ (Entwicklungszusammenarbeit) wollen uns aus gegebenem Anlass mal was gönnen. Ab Ende November werde ich ja in Stuttgart und Calw sein und deshalb haben Don Lucho und ich beschlossen meinen Geburtstag vorzufeiern. Inzwischen haben diese Geburtstag-Kurztrips bei uns eine gewisse Tradition und als “Dezemberkind” stehe ich ja in Peru auf der Sonnenseite. Na gut, diesmal wird mein eigentlicher “GeburtsTag” wohl etwas fröstliger ausfallen, wenn ich mir die deutsche Wetterkarte so anschaue.

Noch genießen wir aber die Sonnne – die tagsüber unerbittlich knallt – und die tolle Unterkunft, denn nach einer Stunde Wartezeit am Pool können wir uns früher als erwartet in unserem Zimmer ausbreiten. Tja, Zimmer trifft es nicht ganz, schon eher Suite. Wir haben ohne unser Zutun ein Upgrade bekommen und das sogar mit Blick auf´s Meer. Zum Glück reisen unsere etwas lauten Zimmernachbarn noch am selben Tag ab und es kehrt Ruhe ein. Das einzige Geräusch, was wir überhaupt noch wahrnehmen, ist Meeresrauschen. Die Paracas Winde am Nachmittag sind berühmt berüchtigt vor allem unter den Kitesurfern. Wir sehen einigen Sportlern bei ihrem Hobby zu , wie sie mit ihren Surfbrettern und einer Art Paraglider über das Wasser rasen und dabei waghalsige Luftsprünge vollziehen. Es gibt eine Faustregel, je höher die Temperaturen, desto heftiger die Winde und die akrobatischen Leistungen der Kitesurfer. Uns reicht schon ein Strandspaziergang gegen diesen Wind und wir kapitulieren und legen uns lieber flach auf unseren Sonnenliegen ab.

Am nächsten Tag stärken wir uns erstmal am reichhaltigen Frühstücksbuffet und wandern dann am Strand entlang bis in den kleinen Ort Paracas. Unser Hotel liegt nämlich am Rande des Naturreservats und glücklicherweise abseits von jeglichem Trubel, den wir in Lima jeden Tag zur genüge haben. Im Ort angekommen, werden wir auch gleich von einem Touristenführer angesprochen, der uns für eine Bootstour auf die Islas Ballestas gewinnen will. Auf diesen Inseln tummeln sich Seelöwen, Humboldt Pinguine und natürlich jede Menge Seevögel. Diese Vögel schei…. die Inseln derart voll, so dass ca. alle fünf Jahre Guano abgebaut werden kann, was dann als Düngemittel seinen Weg bis nach Europa findet. Was ich allerdings auch noch über diesen Ausflug gelesen habe ist, dass während der Bootsfahrt jede Menge “dieses Düngers” auf den Köpfen oder Klamotten der Bootsinsassen landet. Die Inseln dürfen nicht betreten werden (zumindest nicht von Touristen) und so kreist das Boot ganz langsam um sie herum und bietet Möwen, Pelikanen, Albatrossen und Tölpeln (… und wie sie alle heißen) die Gelegenheit sich dem Boot zu nähern und eben ihren weißen, ätzenden Vogelshit abzusetzen. Das allein reicht mir gegen diesen Trip zu votieren, außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses “kleine Galapagos” mit dem wahren Archipel mithalten kann. Wir hatten ja schon das Naturvergnügen die Galapagosinseln während unserer Ecuadorzeit zu besuchen. Don Lucho wird sich die Inseln allerdings beim nächsten Paracasbesuch trotzdem anschauen.

Stattdessen handeln wir mit Juri, unserem Guide, eine Fahrt in den Nationalpark aus. Bevor die Winde am Nachmittag lospusten und “Sand regnen lassen” geht die Tour ganz individuell – nur für uns beide – los. Der Himmel ist strahlendblau und bietet einen starken Kontrast zu den unterschiedlichen Farben der Wüste. Je nachdem, wie der Mineralienanteil des Sandes zusammengesetzt ist leuchtet es rötlich, grün, schwarz oder gelb. Die Straße, oder besser gesagt der Weg auf dem wir fahren, besteht aus Salz- und Sandgemisch und sieht doch tatsächlich aus, als ob er asphaltiert wäre. Unterwegs halten wir an um nach Fossilien zu suchen und werden sofort fündig. Wir müssen nur die oberste Sandschicht etwas frei legen und können dann Abdrücke von früherer Vegetation oder Muscheln finden. Unter den meterhohen Sandbergen wurden viele beerdigte (mumifizierte) Tote aus der jüngeren Paracaskultur gefunden (Paracas Nekropolis), denn auf Grund des trockenen Wüstenklimas blieben viele Gräber unversehrt. Zur Mumifizierung wurden die Verstorbenen in Totentücher gewickelt, die mit leuchtenden Farben und tiermenschlichen Darstellungen bestickt waren. Die meisten Gräber wurden im Cerro Colorado entdeckt, einem rötlich schimmernden Hügel.

Nachts wäre ich nicht so gerne an diesem Ort, wenn der Mumientanz beginnt … aber tagsüber ist es einfach wunderschön. Steilküsten mit bizarren Felsformationen und schöne Strände wechseln sich ab. Leider wurde beim letzten schweren Erbeben 2007 das Wahrzeichen von Paracas – eine ehemals beeindruckende Felsformation, genannt die „Kathedrale“ – zerstört. Dieser Verlust wird aber durch andere Naturereignisse kompensiert. Wir besuchen die Strände “La Mina”, “Playa Roja” und Playa Mendieta. Mina bedeutet Mine und man kann die Stolleneingänge aus den Zeiten des Mineralienabbaus noch gut erkennen. In der Nähe von la Mina liegt auch ein Aussichtspunkt, wo man Seelöwen und Pinguine beobachten kann. Tatsächlich watscheln auch einige Humboldtpinguine über die Felsen, die ca. 60m unter uns liegen. Mir wird ganz anders so nahe am Abgrund, denn noch vor zwei Wochen hat die Erde mächtig gewackelt. Unheimlich der Gedanke, dass sich dies jederzeit wiederholen kann und man dann kaum eine Chance hat sich in Sicherheit zu bringen. Die Seelöwen und Pinguine unter mir ahnen nichts von meinen Ängsten. Ohnehin wird es Zeit aufzubrechen, denn die Sonne brennt gnadenlos und bringt den Wind mit sich. Für den nächsten Tag planen wir einen weiteren Ausflug mit Juri.

Es geht nach Ica und in die Oase Huacachina. Der erste Stopp führt uns in eine Piscobrennerei, wo wir uns die Herstellung des edlen Tropfens erklären lassen. Ziemlich archaisch wirkt das Ganze, aber wie hat es ein deutscher ex-Kanzler mal formuliert: “Was hinten raus kommt zählt”. Am frühen Vormittag ist uns allerdings noch nicht nach Pisco Verköstigung, denn wir wollen die Mumien im Museum ja nicht doppelt oder glasig sehen. Was wir später dort betrachten können sind nicht nur Keramikfunde, Grabutensilien und Textilien, sondern eben auch Mumien, die in einer Art Tongefäß beigesetzt wurden. Sehr interessant ist auch eine Abteilung die sich mit den Krankheiten und deren Heilmethoden beschäftigt. Viele Totenschädel weisen Deformierungen auf, denn damals galten andere Schönheitsideale als heute. Die Köpfe wurden gestreckt und hochgebunden zur sogenannten ‘cabeza larga’. Wer die Simpsons kennt hat eine ungefähre Vorstellung, wie diese Köpfe aussehen. Hohe Stirn und langer Kopf. Einen Schrecken jagen einem die Trepanationen, Schädelöffnungen zur Beseitigung von Tumoren, ein. Wenn man bedenkt, dass dies ohne moderne Anästhesiemethoden geschah und viele Menschen das überlebt haben und geheilt wurden, kann man nur ehrfürchtig staunen. Möglicherweise haben damals ein paar Flaschen Pisco zur vollständigen Bewusstlosigkeit geführt, vielleicht warens aber auch die unerträglichen Schmerzen dieser chirurgischen Eingriffe -. ganz schön schaurig. Dagegen kommen einem die Schäden des Erdbebens, die in Ica vier Jahre danach (!) immer noch nicht beseitigt sind, fast harmlos vor.

Zum Abschluss unseres Ausfluges gönnen wir uns dann noch einen schöneren Anblick. Wir fahren in die Oase Huacachina mit ihrer palmengesäumten kleinen Lagune inmitten von hohen Dünen. Es ist keine Oase der Ruhe, sondern ein gern besuchter, touristischer Ort, der Leuten (ohne Rückenprobleme) durchaus etwas zu bieten hat. Mit speziellen Fahrzeugen, die aussehen wie Rohrgestänge, kann man die Sandhänge rauf und runter düsen und auch Sandboarding betreiben. Wer keinen Schnee hat fährt eben mit seinem Snowboard die Dünen runter. Wir schauen uns das Treiben ein Weilchen an und fahren dann zurück in unsere (wahre) Oase. Leider sind die Tage des Laissez faire bald vorbei und der Kurzurlaub geht zu Ende. Wir verbringen den Nachmittag noch im gepflegten Ambiente unseres Hotels und am Tag darauf geht es am Abend im bequemen Bus zurück ins quirlige Lima. „Oh wie schön ist Paracas!“

rita

(mehr Bilder in Kürze!)

Lima, 28-10-2011

wurden wir heute am frühen Nachmittag durch ein Erdbeben der Stärke 6.9 dessen Epizentrum ca. 300 km südlich von Lima lag. Ironischerweise fand ausgerechnet heute Vormittag noch eine Erdbeben Übung / Simulation im Hochhaus “El Torre Pilar” statt, wo sich u. a. die deutsch-peruanische Außenhandelskammer und somit unser Arbeitsplatz befindet. Diese Übungen werden häufig und natürlich mit dem nötigen Ernst durchgeführt. Eine Sirene ertönt und alle Mitarbeiter bewegen sich mit Schutzhelm auf dem Kopf Richtung Notausgänge. Dann geht´s in Gruppen aufgeteilt vom jeweiligen Stockwerk aus abwärts in den Eingangsbereich. Bei der letzten Simulation mussten alle auch zu Fuß in ihre jeweiligen Stockwerke zurück. Da kommt Freude auf, falls man in den oberen Etagen arbeitet. Heute durften aber die Aufzüge gruppenweise benutzt werden.

Da ich zum Glück Freitag meinen freien Tag habe ist mir mein persönlicher Albtraum “im 15. Stock durchgeschüttelt zu werden” daher erspart geblieben. Aloys dagegen ist um eine  - durchaus verzichtbare – Erfahrung reicher. Jetzt weiß er, wie es sich anfühlt, wenn die Erde schwankt und sich diese Bewegungen nach oben schrauben. Panik kam keine auf, schließlich sind die Limeños Erdstöße, sogenannte temblores, gewöhnt. Trotzdem, weiche Knie kann man da schon bekommen und auch eine Ahnung, wie es wohl sein könnte, wenn die Erde noch heftiger bebt, so wie vor vier Jahren geschehen. Das möchte ich nicht erleben müssen.

Ich bin froh, dass ich zuhause (nur) im ersten Stock am Schreibtisch saß und mit einem Satz unter die dicke Tischplatte hüpfen konnte. Es hat ganz schön lange gewackelt und gescheppert. Es ist schon merkwürdig, je nachdem, wo man sich gerade aufhält, nimmt man selbst heftigere Erdstöße nicht immer wahr. In letzter Zeit häufen sich die kleineren Beben aber und viele Limeños sagen, dass dadurch die Gefahr eines größeren Bebens  verringert wird. Vermutlich ein Ammenmärchen, oder der totale Blödsinn, aber wenn´s hilft die Ängste im Zaum zu halten soll´s mir recht sein.

zitteraal rita

Lima, 04-010-2011

oder Liebe auf den zweiten Blick und die wundersame Annäherung an eine Stadt, die nicht gerade vor Charme und Schönheit sprüht. Andere Städte haben Zusatznamen wie Stadt der Liebe, Stadt der Engel, Stadt die niemals schläft, oder Stadt der Fernuniversität!? … :)   Doch was trifft auf Lima zu? Vielleicht Lima die Wüste, oder die Graue, wegen des sechs Monate lang bedeckten Himmels im Winter. Den Titel, Stadt des Verkehrsinferno, der Anarchie auf Rädern und zwar das ganze Jahr über, hat sie auf alle Fälle verdient.

“Wie kann man es hier in Lima überhaupt aushalten”, fragt mich vor Wochen ein junger Mann mit sächsisch eingefärbtem spanisch auf einer Party. Er ist der Freund einer peruanischen Kollegin und erst wenige Tage im Lande. Aus einer idyllischen Stadt in Sachsen kommend – lost in Lima. “Nach zwee Dagen wolltsch nuor noch wäg”, sächselt er vor sich hin, “geene Sonne und heeß iss es ooch ni … Stimmt, heiß war es nicht als wir uns nächtens auf einer Dachterrasse Lima von oben anschauen – ist eben(t) noch leicht winterlich – da hätte sich ‘der Gutste’ vielleicht besser vorher über die klimatischen Verhältnisse in Südamerika zu dieser Jahreszeit erkundigen müssen und über das spezielle Lima-Klima insbesondere. Lima ist nun mal keine Stadt, die einen warm empfängt; in die man sich spontan verliebt, oder über die man Texte dichten möchte, wie sie von der Band, “Wir sind Helden”, kommen und die fröhlich singen: “Ich bin gekommen, um zu bleiben, ich will hier nicht mehr weg …”, ich beame mich zurück ins Jahr 2008 und denke: “No way – diese Zeilen, zu dieser Zeit, mit dieser Stadt zu verbinden”.

Wer zum allerersten Mal, aus welcher Himmelsrichtung auch immer kommend, sich dem Flughafen Jorge Chavez nähert, schwebt zunächst Minutenlang über kargem Wüstenboden, sieht unzählige Hühnerfarmen und wird ebenso die armseligen Hütten der Hochlandflüchtlinge am Rande der Stadt wahrnehmen. Nur die Grautöne variieren, selbst das Meer auf das der Flieger kurz vor der Landung  abdreht, ist an diesem Teil der Küste grau, wie die Nordsee. Man sieht Fischerboote, Frachtschiffe und den Containerhafen von Callao und kurz bevor der Flieger aufsetzt, die Dächer von Lima. Die Dächer von Lima sind einzigartig, denn sie bergen den gesamten, über die Jahre angehäuften und nicht mehr benötigten Hausrat ihrer Bewohner. Was in Deutschland im Keller oder auf dem Dachboden verschwindet, das wird in Lima ungeschützt auf den Dächern deponiert. Es sieht aus wie bei Messies zuhause. Neben der im Wind flatternden Wäsche, verrottetem Holz, Metallreste, Möbel und Plastikteile. Mittendrin angekettete Hunde, die ihren Unmut mit lautem Bellen kundtun. So sieht Lima in weiten Teilen von oben aus und manch Penthouse Besitzer hat genau diesen Anblick (verdient).

Nachts sind bekanntlich alle Katzen grau, aber Lima ist ein Lichtermeer und man erahnt die gigantischen Ausmaße dieser Stadt, wenn man im Dunkeln landet und Lima “die Wüste” einen anstrahlt. Auch der Flughafen, der ja bald das größte Drehkreuz Südamerikas werden soll, macht einen modernen, professionellen  Eindruck und empfängt seine Gäste sehr freundlich. Wenn ich dann im Taxi sitze genieße ich die lange Fahrt am Meer entlang, die über die Costa Verde zurück nach Chorrillos führt, dort wo wir zu Hause sind. Nachts sieht man seit neuestem auch eine überdimensionale neonfarbene Christusstatue ” El Cristo del  Pacífico,” auf dem morro solar, einem kleinen Hügel am Ende der Bucht leuchten. Ein “Abschiedsgeschenk” von ex-Präsident Alan Garcia sagen viele scherzend, denn das Gesicht der Statue erinnert mehr an ihn, als an Gottes Sohn. Wie Gott hat er sich auch ab und an gefühlt, behaupten böse Zungen. Der Aufbau der Statue wurde just zu seinem Ausscheiden fertig. Das war lange vorher geplant, nur mitbekommen hat es niemand. Heftige Kontroversen und Kritik hat dieser “kleine Zuckerhut mit Christusstatue für Arme” ausgelöst. Wurde er doch recht heimlich und über Nacht aufgestellt. Die Bürgermeisterin von Lima, Susana Villarán, ist (zurecht) empört über die Kosten, welche für den Unterhalt gezahlt werden müssen – die Statue selbst war eine Schenkung – wirkt aber nicht weit entfernt von Elendssiedlungen wie der blanke Hohn. Das wiederum sieht Limas Kardinal Cipriani naturgemäß anders und ist erfreut über diesen zusätzlichen Christus. Hoffentlich schützt der allmächtige, übergroße Cristo del Pacífico in Zukunft die Radler und Fußgänger die sich mühsam zur Statue hoch quälen, kann ich da nur sagen, denn die Gegend ist nicht gerade als sicher bekannt.

Wie in jeder Großstadt gibt es in Lima natürlich auch Stadt-Teile, in denen man besser nicht aufkreuzt, es sei denn – man will´s wissen. Manchmal schätzt man die Lage auch falsch ein, weil einem nach mehreren Jahren im Lande vieles zu vertraut erscheint.  Bei unserem letzten Besuch in der Altstadt wurden uns die – für uns bislang unsichtbaren –  Grenzen unmissverständlich aufgezeigt. An einem Sonntag haben wir uns ins Zentrum von Lima aufgemacht, um inmitten der alten Gemäuer und etwas abseits der Trampelpfade, nach Fotomotiven zu suchen. Vor dem Regierungspalast, der an der schönen Plaza de Armas liegt, ist die Polizeipräsenz noch groß. Hier tummeln sich auch die meisten Besucher. Hinter dem Gebäude, wo eine Brücke über den Rio Rimac ins gleichnamige Rimac Viertel führt, werden wir auf dem Weg zu einem nicht weit entfernt liegendem Platz, mehrmals gewarnt nicht weiter zu gehen. Die Körpersprache und Zeichen sind dabei deutlich. Ihr habt hier nichts zu suchen! Vielleicht lag es an meiner Kamera in der Hand, die zu diesen Reaktionen geführt haben. Eigentlich kam uns die Situation nicht besonders brenzlig vor, aber wir nehmen die Warnungen ernst und kehren um.

Andererseits gilt selbst unser Arbeitsort – gelegen im schicken Geschäftsviertel von San Isidro – laut polizeilichen Aussagen zu bestimmter Uhrzeit als gefährlich. Da gibt es schon mal bewaffnete Überfälle und wenn  wir schon längst zuhause sind, werden andere zur Kasse gebeten.  Einmal im Monat wird eine Rundmail von der ‘Defensoría del pueblo’, der Bürgerbeauftragten oder Ombudsbehörde verschickt mit Hinweisen, wo es wann gefährlich werden könnte. Unser Wohnort wurde bislang nicht erwähnt. Trotzdem war aber auch in unserem Viertel vor kurzem Gefahr im Verzug, es fielen Schüsse und laute Schreie waren zu hören. Beängstigend. Wie sich später herausgestellt hat, handelte es sich um eine ‘familiäre Auseinandersetzung unter Drogeneinfluss’. Kurz darauf wurden in unserer Straße Autos aufgebrochen und als ein Anwohner aufgeschreckt durch den Krach die Polizei rief, hat sich die Bande sogar mit Waffengewalt Rückzug verschafft. Seitdem hat einer der geschädigten Nachbarn kurzerhand um eines der hohen Gittertore, die (meistens) abgeschlossen sind und das Wohnviertel sicherer machen sollen, eine zusätzliche Kette mit Schloss gelegt. Weil ‘normalerweise’ die diversen Gittertore verschlossen sind und außer den Anwohnern niemand sonst einen Schlüssel hat, ist es hier für Einbrecher höchst hinderlich nach Gelegenheiten zum Diebstahl Ausschau zu halten, denn die Fluchtwege sind eingeschränkt. Leider wurde das Tor in letzter Zeit häufig offen gelassen und so kamen die Diebe leichter an die Beute. Undenkbar eigentlich, dass sich in Deutschland Nachbarn organisieren und öffentliche Straßen in ihrem Wohnviertel durch das installieren von meterhohen Metallgittern unpassierbar machen. Hier aber heißt das Motto: “Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand.”

Viele dieser Dinge empfinde ich inzwischen als ganz normal, Alltag eben(t). Schlimmer noch, das organisierte Chaos, wird uns eines Tages sicherlich sogar ein bisschen fehlen. Mit Grausen denke ich an die deutsche Gründlichkeit und verstehe viele Kollegen, die sich ein solch geordnetes Leben nicht mehr vorstellen können und deshalb bleiben, wo sie sind. Es ist ein Spagat – zwischen zwei Welten – zu leben. Abgesehen von der einen oder anderen Unannehmlichkeit genieße ich das Leben hier aber. Besonders schön finde ich es am Meer wohnen zu können und freue mich immer wieder, wenn wir über die Costa Verde fahren. So heißt die Uferstraße und ist gleichzeitig auch der Programmname für ein “Allesmöglich” Projekt am Strand von Lima. Die gesamte Strandpromenade und vieles Drumherum wurden einer Verschönerung unterzogen. Die Klippen von Lima mit Bodendeckern begrünt, Fahrradwege und Joggingpfade angelegt und viele Sportanlagen direkt am Strand gebaut. Holzbänke mit Sonnendächern laden nun müde Fußgänger ein sich auszuruhen. In Peru ist ein Strand nicht wirklich ein schöner Strand, wenn die Gastronomie fehlt. Deshalb ist ein Tag ohne Ceviche und Bier kein schöner Tag. Mit zum Strandleben gehören auch die vielen Wellenreiter, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf ihren Brettern stehen, sie gehören genauso zum Stadtbild wie die vielen Paraglider, die über den Klippen schweben. Das alles prägt das Bild von Limas Strandvierteln. Nicht zu vergessen das architektonisch schön in die Klippen gesetzte Larcomar, ein Einkaufs- und Vergnügungscenter. Dort gibt es viele schöne Restaurants die zum sitzen im Freien einladen. Zu meinen Favoriten gehört vor allem auch eine tolle Eisdiele. Das lässt mich alle Ben & Jerrys, Häagen Dazs und andere berühmten Eishersteller vergessen. Auch Caffé e Gelato und Florida in Berlin. Im Lima Winter kommen wir ins Larco, um uns im SofaCafe mit Waffles und Maracuyá Honigsirup einen Speckgürtel zuzulegen. Ganz zu Schweigen von allen anderen Desserts, in deren Herstellung die Peruaner für mich  Weltmeister sind. Dieses Land macht einen fit for fat.

Immer wieder gerne besuchen wir La Punta in Callao, eine Landzunge mit schönen alten Häusern und Fischlokalen. Callao ist eigentlich nicht wirklich ein Stadtteil von Lima, sondern eine Stadt, die mit Lima zusammengewachsen ist. Es gibt sie, die schönen Orte die Lima ein besonderes Flair geben, aber sie sind halt nicht an jeder Ecke zu finden. Auch im Hafenviertel gibt es neben der modernern Infrastruktur des Containerterminals viele alte Kolonialgebäude, die meisten bräuchten dringend eine Restaurierung. Im Rahmen der CasaCor, einer gesponserten Architektur- und Designausstellung, die jedes Jahr mit der Renovierung eines erhaltungswürdigen Objektes wirbt, wurde dieses Jahr ein Haus in Callao ausgesucht. Es handelt sich um das Edificio Ronald, ein Gebäude, das im Industriedesign des anfangenden 20. Jahrhunderts erbaut wurde. Nach der Umwandlung trägt nun jedes Stockwerk, jedes Zimmer die Handschrift eines anderen Architekten, Designers oder Künstlers. Es ist ein Feuerwerk an Kreativität und eine unbeschreibliche Augenweide. Ein Ereignis, auf das ich mich jedes Jahr auf´s neue freue. Im obersten Stockwerk, in einem großen Licht durchflutetem Saal mit hoher, gewölbter Decke, bemalten Säulen und Flügeltüren, die auf Balustraden führen,  hat ein Designer ein flippiges Restaurant installiert. Leider ist es nur eine temporäre Einrichtung.

Wenn die peruanische Küche doch nur et-was kreativer auf die Wünsche von uns Veggies oder Semi Veggies eingehen würde … es wäre das Schlaraffenland schlechthin, denn es mangelt an keinen noch so exotischen Zutaten in diesem Land. Diese Vielfalt wird wohl auch den Papst der Molekularküche, den Katalanen Ferran Adriá, der zwei Wochen lang auf der Suche nach neuen Geschmacksexplosionen durch Peru reiste, begeistert haben. Was für eine Auswahl an Gemüse, Früchten und Gewürzen auf den Märkten von Lima, doch mit dem Standardmenü kommen hauptsächlich nur ein Stück Fleisch, Kartoffeln, Reis (der niemals fehlen darf) und ein paar Blätter Salat, Tomate, Gurke und Zwiebeln auf den Teller. Fertig ist der Mittagstisch. Die Peruaner sind dermaßen von ihren Kochkünsten überzeugt, dass wenig Raum für Experimente mit der fleischlosen Küche bleibt. Zum Glück gibt es sie aber – die berühmten Ausnahmen von der Regel. Lima ist in Aufbruchstimmung, von Rezession ist hier nichts zu spüren und ständig eröffnen Kreative neue tolle Lokale und Geschäfte, vor allem in unserem lindo Barranco. Trotzdem bleiben uns unsere Lieblingsorte erhalten, dort wo wir uns wohlfühlen und immer wieder gerne vorbeischauen. Selbst im Lima Winter zieht es uns ins Acantilado, einem Garten-Lokal auf den Klippen, mit Blick auf´s Meer. Auch im Dunkeln sieht man das vom Stadtlicht beleuchtete Meer. Dort sitzen wir dann schön eingemummelt im Freien, dem Garua-Nieselregen zum Trotz bei einem Pisco Sour. Verrückt ist, dass ich in diesem Lokal schon 1999 mit einer ecuadorianischen Bekannten meinen ersten Lima Besuch begossen habe. Damals lebten wir im beschaulichen Quito in Ecuador und ich war froh nicht in Lima Moloch-City leben zu müssen. Heute geht es mir genau umgekehrt. Bei allen Problemen die Lima so hat versprüht es doch auch ein wenig von der Leichtigkeit des Seins einer Küstenstadt und so gar nichts von der schwermütigen Kulisse und Aura einer Stadt im Hochland, wie Quito. Lieber grau, als dunkel. Die Sierra ist zwar schön, aber zum Leben favorisiere ich die Küste.

Das Museum für moderne Kunst, das Mali www.mali.pe , gehört auch zu unseren Favoriten. Erst kürzlich haben wir die sehr interessante Retrospektive des peruanischen Malers Fernando de Szyszlo gesehen. Überhaupt gibt es jede Menge kulturelle Veranstaltungen, Theater, Ausstellungen, Konzerte, die den monatelangen grauen Himmel vergessen lassen und das bunte Leben in den Vordergrund schieben. Unter dem ‘Panza de Burro’, dem Eselsbauch, wie die Limeños den grauen Winterhimmel nennen, verstecken sich die schillernden Facetten dieser Stadt. Man muss nur die Augen aufhalten. Meine Flip-Flops stehen schon bereit, um in den nahenden Lima Sommer zu starten …

rita

© 2011 Prima Klima in Lima Suffusion theme by Sayontan Sinha